Therapie?! Ich doch nicht!

Du hast schon öfter über eine Psychotherapie nachgedacht, bist aber skeptisch, ob dir das wirklich was bringt? Dann ist dieser Text für dich.

Wenn wir mal allein nicht weiter wissen, greifen wir meistens zum Handy: Die Karten-App weiß den Weg zum nächsten Kino und sagt uns, wo’s lang geht wenn wir uns verlaufen haben. Wenn wir vergessen haben, wie Spaghetti Carbonara gekocht werden, finden wir auf Youtube die Antwort. Das Internet weiß auch dann Rat, wenn wir uns den Kopf darüber zerbrechen, ob gerade Sommer- oder Winterzeit ist.

Sobald es allerdings um unsere mentale Gesundheit geht, ist es für viele von uns nicht ganz so naheliegend, sich Hilfe zu suchen. Irgendwie sind wir überzeugt: „Das krieg ich schon alleine hin“ oder „So schlimm ist das doch gar nicht“. Denn: „Ich bin doch nicht verrückt!“ Und überhaupt – „Anderen Leuten geht’s doch noch viel schlechter“.

Das geht schon wieder vorbei

Stimmt schon, die meisten Gefühle, Sorgen oder Ängste, die du in diesem Augenblick hast, sind nicht von Dauer. Es ist eine Illusion, dass wir ständig happy sein können oder sollten. Und es ist sehr wichtig, alle Gefühle zu fühlen, auch die anstrengenden und traurigen und nervigen.

Wenn du allerdings über Wochen mies drauf bist, es dich enorm viel Kraft kostet, Morgens aufzustehen, wenn du Angst hast, Bahn zu fahren oder dir ständig Sorgen darüber machst, wieviel du isst, kann es sich lohnen, da mal genauer hinzuschauen.

Du brauchst jetzt sofort jemanden zum Reden? Bei der Telefonseelsorge findest du rund um die Uhr Hilfe – anonym und kostenlos. Entweder online oder telefonisch unter 0800 / 111 0 111 bzw. 0800 / 111 0 222

Um herauszufinden, was los ist und ob du vielleicht nur vorübergehend in einer schwierigen Phase steckst, kann es helfen, sich mit jemandem auszutauschen, dem du vertraust. Also zum Beispiel deinem Bruder oder deiner besten Freundin. Was auch gut funktioniert: Aufschreiben. Das muss kein besonders hübscher oder lesenswerter Text werden, aber Schreiben ist eine gute Möglichkeit, die Gedanken im eigenen Kopf zu sortieren. Schwarz auf weiß bekommst du nämlich einen besseren Eindruck davon, wie es dir gerade geht. Wenn du dir regelmäßig Zeit nimmst, deine Gedanken und Gefühle aufzuschreiben, kannst du außerdem später nachlesen, ob das, was dich heute runterzieht, auch schon vor einem Monat Thema war.

Eine andere unkomplizierte Möglichkeit (für die du nur ungefähr fünf Minuten pro Tag brauchst): ein Stimmungstagebuch führen. Darin kannst du z.B. nach dem Aufstehen eine „Bestandsaufnahme“ machen oder am Abend den Tag als Ganzes bewerten. Dabei kannst du beispielsweise dokumentieren, wie es dir gerade geht oder wie angespannt du den Tag über warst. Je nachdem, was dich besonders interessiert, kannst du notieren wieviel du geschlafen hast, wann du ins Bett gegangen bist, ob du Alkohol oder Drogen genommen hast, wovor du Angst hattest etc.

Übrigens: Deine Leidensfähigkeit macht dich nicht zu einem besseren Menschen und ist auch kein Zeichen dafür, dass du besonders stark bist. Und sich ständig das Mantra „positiv denken“ einzuflüstern, um damit durchweinten Nächte zu verdrängen oder eine tiefschwarze Hoffnungslosigkeit, ist auch nicht gerade heldenhaft. Mut beweist du besonders dann, wenn du dir eingestehen kannst, dass du alleine nicht mehr weiter weißt und dir dann Hilfe suchst.

Anderen Leuten geht’s doch noch viel schlechter

Da hast du recht – es ist sogar ziemlich wahrscheinlich, dass es so einige Menschen gibt, denen es noch schlechter geht als dir im Augenblick – aber spielt das denn eine Rolle?

Wenn dein bester Freund, deine Schwester oder deine Kollegin dir anvertrauen würden, dass ihnen schon seit Wochen so gar nichts mehr Spaß macht und sie ständig Schlafprobleme haben, würdest du ihnen dann auch dieses Arguemnt an den Kopf knallen? Dass es ja Menschen gibt, denen es noch viel schlechter geht und dass sie sich deshalb nicht so anstellen sollen?

Falls ja, ist das nicht besonders nett von dir. Und wenn nein, dann überleg mal, wieso du das dann bei dir selbst als Argument durchgehen lässt. Auch wenn es höchstwahrscheinlich Leute gibt, die gerade in einer schwierigen Lage sind als du: Du musst nichts aushalten – vor allem denn nicht, wenn du merkst, dass dir so langsam die Kraft ausgeht.

Es geht dir schon seit geraumer Zeit überhaupt nicht gut? Du hast regelmäßig Mühe, aufzustehen? Kannst dich nur schwer zu etwas aufraffen? Fühlst dich einsam und hoffnungslos? Das sind alles ziemlich gute Gründe für eine Therapie.

Ich bin doch nicht verrückt

Auch wenn die gesellschaftliche Akzeptanz steigt, sind Vorurteile über psychische Krankheiten, insbesondere Depressionen noch ziemlich weit verbreitet. Hier und da hält sich auch noch das Klischee, eine Therapie sei vor allem für verweichlichte Heulsusen gedacht.

Ich zieh immer gern den Vergleich: Wenn du dich am Bein verletzt und nicht mehr laufen kannst, gehst du wahrscheinlich zu einer Ärztin oder einem Arzt. Damit sich jemand anschauen kann was da genau los ist. Eventuell kommt ein Gips drum oder du bekommst die Empfehlung mit nach Hause, das Bein zu kühlen und zu schonen. Dann kann es wieder heilen.

Wenn dir jemand in dieser Lage sagen würde „Ach stell dich nicht so an, so schlimm ist das doch gar nicht! Du musst nur positiv denken, dann kannst du wieder laufen“ – würdest du ihm vermutlich den Vogel zeigen. Ich finde, das selbe sollten wir uns auch angewöhnen, wenn es um unsere psychische Gesundheit geht. Wenn uns jemand rät, einfach mehr zu essen, obwohl schon das Frühstück eine unglaubliche Herausforderung für uns war. Oder wenn wir (ungefragt) ans Herz gelegt bekommen, diesen oder jenen Ratgeber zu lesen, um damit unsere Depressionen zu heilen.

Wenn unsere Psyche krank ist, ist natürlich keine Lösung, das Herz einzugipsen und zu kühlen, aber ich glaube dass es uns allen sehr gut tun würde, wenn wir psychische Erkrankungen genauso ernstzunehmen würden wie z.B. ein gebrochenes Bein. Dann wird es uns vermutlich auch leichter fallen, uns bei Seelenschmerzen Hilfe zu suchen. Wie wir das ganz ohne viel zu überlegen auch bei einem gebrochenen Bein tun würden.

Apropos verrückt: Wie sich deine Psyche bei dir meldet, kann individuell ziemlich unterschiedlich sein. Bei manchen Menschen schlägt zuerst zuerst der Körper Alarm, sie kriegen Baumschmerzen oder Schwindel. Wieder andere haben plötzlich Wutanfälle oder sind aufgedreht und geben viel zu viel Geld aus. Oder aber sie ziehen sich zurück und kommen kaum noch aus dem Bett.

Ich schaff das schon alleine

Wie schon gesagt: Sich auf Biegen und Brechen alleine durchbeißen, bedeutet nicht, dass du besonders stark bist. Im Gegenteil: Sich einzugestehen dass du Hilfe brauchst ist viel mutiger.

Achja – und selbst wenn du dich für eine Therapie entscheidest: Du darfst und sollst deine Probleme auch dann weiterhin selbst beackern. Das musst du dann allerdings nicht länger alleine tun, sondern kannst deinen Weg mit einem erfahrenden Guide an deiner Seite fortsetzen. Du bist dabei immernoch die, die festlegt, was sie ändern möchte und entscheidet, wie sie das anstellen möchte.

Dein Guide, also deine Therapeutin oder dein Therapeut, kann dir immer dann neue Weg zeigen, wenn du gerade nicht weißt, wie es weiter gehen soll. Und sie kann dir wertvolle Tools an die Hand geben, die du dann zusätzlich einsetzen kannst.

Wenn es um die Entscheidung geht, ob eine Therapie gerade das Richtige für dich ist: Horch in dich hinein, lass dir etwas Zeit und entscheide dann. Vertrau auf dein Bauchgefühl, das ist (meistens) eine ziemlich eindeutige Entscheidungshilfe.

Ich bin immer noch nicht überzeugt – Gibt’s denn auch andere Möglichkeiten?

Du bist noch immer nicht ganz überzeugt, ob eine Therapie das richtige dich ist? Neben den klassischen Therapieangeboten, die die Krankenkasse bezahlt, gibt es z.B. die Möglichkeit, eine Online-Therapie auszuprobieren.

„Von den gesetzlichen Krankenkassen werden zur Zeit folgende 3 Verfahren erstattet:
die Verhaltenstherapie, die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie
sowie die analytische Psychotherapie.“ (Psychotherapie-Informationsdienst)

Der entscheidende Vorteil dabei: Du bist nicht darauf angewiesen, dass gerade ein Therapieplatz in deiner Nähe frei ist. Auch für Menschen, die den direkten Kontakt scheuen, kann eine Therapie übers Netz eine Lösung sein. Wenn du vermeiden willst, dass ihre Krankenkasse von deiner Therapie erfährt, ist eine selbstfinanzierte Online-Therapie ebenfalls ein gutes Angebot. Für alle, die sich das nicht leisten können: Manche Krankenkassen übernehmen die Kosten für bestimmte Online-Therapie-Anbieter. Weitere Online-Angebote rund um mentale Gesundheit findest du in dieser Übersicht.

Für alle, die gerade studieren, gibt es auch dieses unkomplizierte und außerdem unbürokratische Hilfsangebot: Die meisten Unis und Hochschulen haben psychosoziale Beratungsstellen, in denen du dich kostenlos beraten kannst. Dort bekommst du auf Wunsch auch Adressen von niedergelassenen Therapeutinnen und weiteren Anlaufstellen.

Auch Selbsthilfegruppen sind eine gute Möglichkeit für alle, die sich nicht länger allein mit ihren Sorgen herumschlagen wollen. Für Angehörige von Menschen mit psychischen Erkrankungen sind sie ebenfalls ein guter Tipp. Falls du bereits eine Therapie gemacht hast oder gerade abschließt, sind sie vielleicht auch eine Option für dich. Du kannst dich dort mit Menschen austauschen, denen du nicht wirklich erklären musst, wie es dir gerade geht oder wieso dich etwas belastet.


Du hast Fragen, Anmerkungen oder Kritik zum Text? Dann schreib sie gern in die Kommentare!

Titelbild: Youssef Naddam