Nimm das blaue Äffchen ernst

Positiv denken funktioniert bei dir nicht? Versuchs mal hiermit!

Heute ist Sonntag. Ich musst nirgends hin und hab keine Termine. Kann ausschlafen so lange ich will. Und wache trotzdem mit schlechter Laune auf. „Was ist bloß los mit mir?!“ grüble ich zuerst –„Ich sollte positiv denken!“, ermahne ich mich als nächstes. „Aber ich hab gar keine Lust aufzustehen, ich fühle mich einfach nicht gut“ – „Siehst du, schon wieder denkst du negativ! Wieso kannst du nicht einfach mal zufrieden sein!“ – „Aber was, wenn meine schlechte Laune nicht weggeht?!“ – „Ich hab doch gesagt, du sollst mal positiv denken! Ist ja kein Wunder, dass du immer schlechte Laune hast mit so einer Einstellung!“

Kennst du solche Unterhaltungen aus deinem eigenen Kopf? Bei mir gehen diese anstrengenden inneren Dialoge häufig dann los, wenn ich nicht mit super Laune aufwache oder nicht so richtig Lust zum Aufstehen habe. Erst mache ich mir Vorwürfe für meine Unzufriedenheit, als nächstes fällt mir ein, dass ich noch nicht einkaufen war und dann meckere ich mich dafür an, dass ich die ganze Woche nicht auf die Kette gekriegt habe, die Küche gewischt habe. Und so weiter und so fort. Damit ist vorprogrammiert, dass mein Sonntag so richtig super wird. Kommt dir bekannt vor?

Nimm das Äffchen auf den Arm

Da ich grundsätzlich wenig davon halte, auf Kommando positiv zu denken, habe ich mir irgendwann folgende Frage gestellt: Was würde eigentlich passieren, wenn ich gar nicht erst versuche, gute Laune zu haben oder voller Elan aus dem Bett zu springen, sondern meine trübe Gedanken einfach erstmal mit zum Frühstück nehme?

In meiner Vorstellung sind diese Gedanken ein kleines schlechtgelauntes Tierchen. Es hat dunkelblaues, etwas struppiges Fell, dünne lange Arme und Beine, runde Knopfaugen und kleine Ohren, die ihm lustig vom Kopf abstehen – und erinnert mich deshalb irgendwie an ein Äffchen. Hast du Lust, dich mit mir zusammen auf das Äffchen einzulassen?

Na gut, einen Versuch ist es wert. Ich nehme das Äffchen also auf den Arm, trage es in die Küche und setzt es dort auf der Tischkante ab. Während ich die Kaffeemaschine in Gang bringe überlege ich, was ich frühstücken könnte. Zwischendurch werfe ich einen verstohlenen Blick auf das Äffchen. Mit verschränkten Armen und verkniffenem Gesichtsausdruck starrt es missmutig auf den Boden. „Willst du vielleicht auch einen Kaffee?“, frage ich vorsichtig. „Nö! Lass mich doch einfach in Ruhe!“, pampt das Äffchen zurück. Dabei sieht es ziemlich mitleiderregend aus.

„Bäh, schon wieder so ein scheiß Regenwetter!“

Als die Kaffeemaschine läuft, beschließe ich, erstmal fix Brötchen fürs Frühstück holen zu gehen. Ich ziehe gerade Schuhe an, da vermeldet das Äffchen mit Blick aus dem Fenster missmustig: „Bäh, schon wieder so ein scheiß Regenwetter!“ Ich packe also einen Schirm ein und machst mich auf den Weg zur Bäckerei. In Grabesstimmung stapft das Äffchen hinter dir her. „Möchtest du denn auch ein Brötchen?“, will ich wissen. „Nee, hab keinen Appetit“, murmelt das Äffchen.

Die Schlange in der Bäckerei ist ziemlich lang. Logisch, ist ja auch Sonntag Morgen. Während ich darauf warte, bis ich an der Reihe bin, beobachte ich die anderen Menschen in der Bäckerei. Vorn an der Auslage drückt sich ein kleiner Junge fast die Nase an der Scheibe platt, während er die vielen Kuchen in der Auslage bestaunt. Hinter ihm diskutieren zwei Frauen darüber, ob sie Körner– oder doch lieber Roggenbrot kaufen wollen. Als ich einen Blick aus dem Fenster werfe, sehe ich, wie das Äffchen mit einem freundlichen Hund spielt, der vor dem Laden angeleint ist.

Als wir auf dem Rückweg sind – ich mit der Brötchentüte in der Hand, das Äffchen inzwischen mit einer etwas weniger betrübten Miene Gesicht – kommt die Sonne heraus. Ich freue mich über die warmen Sonnenstrahlen, mit Sonne sieht der Straßenzug gleich viel schöner aus. Noch wenige Meter, dann kann ich mein Sonntagsfrühstück genießen. Zuhause angekommen schließe die Haustüre auf und laufe die Treppenstufen zu meiner Wohnung hoch.

Das Äffchen beschließt, den Aufzug zu nehmen. Von der vielen Lauferei am frühen Morgen ist es schon ganz außer Puste. Oben angekommen gieße ich mir eine Tasse Kaffee ein und decke noch fix den Frühstückstisch. „Komisch“, denke ich, als ich mich hinsetze und nach einem Brötchen greif, „so lange braucht der Aufzug doch sonst eigentlich nicht!“ Als ich mir die zweite Tasse Kaffee eingieße, lässt sich das Äffchen immer noch nicht blicken. Na gut, dann frühstücke ich eben einfach ohne Äffchen!

Ging’s hier nicht ums Glücklichsein?

Aber Moment mal, warum reden wir eigentlich die ganze Zeit von diesem trübseligen Äffchen? Gings hier nicht ums Glücklichsein? Eigentlich schon…allerdings habe ich mit der Zeit habe ich festgestellt, dass meine schlechte Laune oft ganz von selbst verschwindelt, wenn ich mir nicht allzu viele Gedanken darüber mache und wenn ich vor allem nicht versuche, krampfhaft positiv zu denken.

Das Ding ist nämlich: Vom Positiv-Denken gehen die negativen Gedanken nämlich auch nicht weg, sondern werden erstmal nur zugedeckt. Und kommen oft umso stärker wieder an die Oberfläche, wenn dir die Positiv-Denken-Puste ausgegangen ist. Außerdem: Genauso wie traurige Gefühle nicht ewig wären ist auch das Glück kein Dauerzustand. Deshalb: Genieß es wenn es da ist aber mach dir keine Platte, wenn du dich heute mal nicht so super fühlst.

Nimm das Äffchen ernst

Um bei der Äffchen-Metapher zu blieben: Schick das Äffchen (also deine trüben Gedanken) nicht weg, versuch nicht, es mit Bier kooperativ zu machen, sperr ist nicht irgendwo ein oder bestraf es. Akzeptier einfach, dass es gerade da ist, auch wenn das oft nicht besonders leicht ist.

Das Äffchen mag es nämlich überhaupt nicht, wenn du es nicht ernst nimmst. Wenn du versuchst, es wegzuschicken oder anmeckerst, wird es erst Recht Rabatz machen. Denn es wünscht sich, dass du seine Anwesenheit akzeptierst. Und wenn du genau das tust, verschwindest es meistens genauso plötzlich, wie es zu Besuch gekommen ist.

Brauchst du Hilfe?

Fühlst du dich schon länger traurig und leer und kannst dich zu nichts aufraffen? Hast du das Gefühl, dein Leben macht keinen Sinn mehr? Bei der Telefonseelsorge findest du rund um die Uhr Hilfe – anonym und kostenlos. Entweder online oder telefonisch unter 0800 / 111 0 111 oder 0800 / 111 0 222

Titelbild: Paul Hanaoka

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